Originally Posted by lumpidu
Ich weiss nicht, warum hier so oft das Statement verbreitet wird, dass Leica nicht aus eigener Kraft ein mit C, N, O konkurrierendes AF-System entwickeln kann, bzw. in Dingen Elektronik unbedingt Kooperationen mit anderen Firmen suchen muss, um das Know How zu bekommen.
Es ist nicht so schwierig, mit den heutigen Elektronikbauteilen all das zusammenzubauen ,was zu einer sparsamen, zuverlaessigen und schnellen Kamera fuehrt. Das Prinzip des AF ist hinreichend bekannt. Und das Problem liegt vor allem bei der genauen Ausfuehrung, gerade im Produktionsbereich.
Das schwierige ist eher, die Entwicklungskosten und -Zeit im Rahmen zu halten und die menschlichen Ressourcen auf die Key-Entwicklungen zu konzentrieren. Es macht daher Sinn, mit Panasonic zu kooperieren: Leica spezifiziert die Linsen, das Bedienungskonzept und passt die Firmware fuer die eigene Marke an, ueberlaesst aber die Hauptentwicklungen bei Panasonic selbst und profitiert u.a. beim Technologieaustausch. Die eigenen Soft- und Hardwareentwickler kuemmern sich derweilen um die richtig interessanten Entwicklungen, siehe DMR, Leica M, R10 usw.
Das ist prinzipiell das gleiche wie z.B. bei uns in der Automatisierungsindustrie: nehme ich Standardkomponenten, die ganz gut funktionieren, aber keinen Wettbewerbsvorteil bringen, da ja die Konkurrenz ebenfalls die Standarkomponenten kaufen kann, bzw. begebe ich mich in die Abhaengigkeit vom Zulieferer und dessen Preisgestaltung oder aber baue und programmiere ich das alles selbst, habe dadurch genaueste Einflussnahme auf das Produkt, kann zu jeder Zeit entscheiden, welche Teile weiterentwickelt oder ersetzt werden muessen? Der Nachteil hier ist die Entwicklungszeit: denn man muss sich dieses KnowHow in der eigenen Firma erst aufbauen. Diese Entwicklungszeit muss man Leica geben.
Dass dies aber so schwer nicht ist, zeigt das Beispiel in meiner Abteilung: wir sind 4 SW Entwickler, 3 HW Ingenieure und haben innerhalb von 1,5 Jahren einen kompletten neuen Controller sowie eine Highend-Kamera entwickelt, welche bis zu 500 Fr/Sek. aufnehmen kann und eine vollkommen neue SW Plattform zum Beta-Stadium gebracht. Die Stueck-Kosten fuer die HW inkl. der Entwicklungskosten entsprechen 70-90% der kaeuflichen Standardkomponenten, obwohl wir alles bei uns in Island fertigen. Der Hauptvorteil aber ist, dass wir die komplette Kontrolle ueber unsere Produkte haben und gezielte Loesungen anbieten koennen, die uns Wettbewerbs- und Kostenvorteile bringen.
Moral: Entsprechender Wille und Leute vorausgesetzt: gerade im Hochpreisland kann man konkurrenzfaehig selbst produzieren und in ueberschaubarer Zeit auf Augenhoehe mitreden.
Unsere Kamera HW Entwickler haben sich die Bilder von der zerlegten M8 im Internet angeschaut und waren ganz begeistert. Nicht state of the art aber wirklich sehr schoen designt. Wir fanden den Preis auch gar nicht so uebertrieben fuer die Technik, die drinsteckt. Und das ist etwas, woran Leica arbeiten wird: die verbaute Technik in der M8 ist viel zu teuer. Da kann man mit Miniaturisierung einiges machen, aber: das haengt mehr von der Minitiarisierung der eingekauften Bauteile ab, als von Leica selbst ! Z.B. ein entsprechender FPGA mit Softcore kann schon so manche Bauteile ersetzen.
Es ist ja nicht so, dass Leica jahrzehntelanges Digitaltechnik-Knowhow haben muss, um die State of the Art Komponenten zu beherrschen. Ein paar gezielte Akquirierungen in der Entwicklungsabteilung und dann kommt man schon sehr weit. Denn merke: Digitaltechnik bleibt Digitaltechnik, ob 8, 16, 32, 64 oder 128 Bit, die Prinzipien aendern sich nicht. Wir arbeiten schon seit ueber 40 Jahren auf einem Von Neumann Computer.
Und Leica hat ja einige Leute in der Entwicklung eingestellt. Offengesagt haette ich mich ebenfalls gerne als Embedded SW Ingenieur dort beworben, falls ich in Deutschland leben wuerde. Es muss unbegreiflich spannend sein, fuer diese Firma neue Produkte zu entwickeln (und dann in Foren zu lesen, wie die Teilnehmer 9 Monate vor der Photokina vor Spannung fast zerspringen)
Ich denke fuer uns Entwickler gibt es nichts schlimmeres als wenn das Marketing Dinge verspricht, die wir bis zur gegebenen Deadline nicht einhalten koennen. Es ist daher dem Kunden und den eigenen Leuten gegenueber aeusserst vorausschauend, die Katze lange im Sack zu behalten. Das macht Nikon uebrigens auch nicht anders. Und Nikon hatte ja ebenfalls mit massenhaften Abwanderungen zu kaempfen. Und was kam dann aus dem Sack ? Der Doppelpack D300/D3. Und nun konvertiert wer ?
Also: mal schoen abwarten und nicht verzagen. Einfach mehr rausgehen und Fotos schiessen und an den eigenen Faehigkeiten arbeiten. Denjenigen von Euch moechte ich sehen, der soviel Zeit hat, hier hunderte Posts ins Forum zu stellen, gleichzeitig bereits den perfekten digitalen Workflow beherrscht, seine 17x22" Bilder regelmaessig selbst einmattet und nur durch eine neue R10 zu noch mehr fotografischer Leistung befoerdert werden kann.
Die R10 kommt zur Photokina und wird das Hammerteil. Da bin ich ganz sicher. Und ich freue mich schon darauf, eine zerlegte R10 im Internet zu finden, damit ich mit meinen Kollegen spekulieren kann, was die Elektronik so im Einkauf kosten wuerde ... denn leisten werde ich sie mir wohl nicht koennen.
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