AW: Icarus
Ihr beiden, schön, dass wir zumindest in den ersten beiden Punkten übereinstimmen, über unterschiedliche Nuancen beim dritten kann man noch reden.
Ich will hier nicht den Spruch, von wegen Photographieren sei Malen mit Licht, bemühen, aber selbst in der Portraitphotographie finden wir Bilder, die von ihrer sichtbaren Oberfläche in der Weise abstrahieren, dass ganz andere Welten damit sichtbar werden. (Ein "kleines" Beispiel: wer Avedon's John-Ford-Portrait in seinem wunderbaren Bildband 'An Autobiography' gesehen hat, sieht etwa "Rio Bravo" künftig anders.)
Natürlich stimme ich darin überein, dass der Zeitpunkt der Aufnahme und alle seine Umstände ganz besondere Aufmerksamkeit verlangt. Aber in würde es ablehnen, daraus zu schließen, dass man die Geometrie nicht hinterher verändern dürfe. Schon die Reduktion auf zwei Dimensionen ist eine gravierende Veränderung und das Bild ist kein Abbild der Wirklichkeit. Das Bild ist durch unseren Eingriff entstanden, weswegen sehr viel mehr zu sehen ist, als wir glauben. In der Erweiterung von Wim Wenders' Einleitung zu seinem "Einmal" (Verlag der Autoren, Ffm 1994) will ich den Prozess des Photographierens so beschreiben (geradezu auf analoge M-Photographiererei zugeschnitten): Wir blicken durch den Sucher auf das Motiv, messen (dh. geben Maß), legen de Ausschnitt fest und lösen (etwas) aus, um es unter (den) Verschluss zu bringen.
Dann entwickeln wir (den Film oder auch die Datei) und projizieren unser Negativ auf eine andere Ebene (Grundbrett oder Monitor) und testen so lange aus, welches Bild unseren Vorstellungen (nicht denen der Wirklichkeit, die hat keine) am meisten entspricht, um am Ende das fertige Bild zu entwickeln. Schaut man sich die Begriffe an, die unser Tun schildern, sehen wir, dass das Endprodukt viele innere Qualitäten von uns enthält. Deshalb sind wir als Photographen immer auf auf unseren Bildern mit zu sehen, vielleicht ein Grund, weswegen viele eher ängstliche Wesen keine Bilder zeigen, man könnte zu viel von ihnen sehen.
Als Betrachter von Bildern kann man sein Augenmerk auch darauf richten und, ein gewisses Maß an Empathie vorausgesetzt, zu tieferer Empfindung der Bilder zu gelangen. Für mich hieß das etwa: Doisneau liebe ich wegen seiner wunderbaren Vorsicht im Umgang mit den Abgelichteten, HCB ist deutlich rücksichtsloser etc.
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