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Old 11/25/06, 06:25 PM   #6 (permalink)
man:men
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Default Antwort auf prosper (Langfassung)

prosper,
endlich mal wieder eine interssante Spieleröffnung von dir.
Ich will drauf eingehen, weil ich es für eine spannende Frage halte, obwohl ich weiß, dass du dir für weitere Diskussionsbeiträge selbst in der Regel zu schade zu sein scheinst.
Insoweit erwarte ich das Übliche: prosper wirft den Enten ein paar Krumen in den Teich und weidet sich an deren Geschnappe. Ob sich das wohl jemals ändert??

Wie auch immer. Die aufgeworfene Frage interessiert mich.
Du stellst die Momente des Lebens an sich neben diejenigen Momente, die aus diesem heraus eine fotografische Komposition ergeben, ohne vordergründig arrangiert worden zu sein.
Damit stellst du Original und Reproduktion auf eine Stufe, ebenso wie du die verschiedenen Aggregatzustände von Zeit gleichzusetzten versuchst, einmal in ihrer liquiden und einmal in ihrer maximal komprimierten, quasi statischen Form.
Allein DIESE Sichtweise überhöht m.E. die Bedeutung der Begrifflichkeit des »Decisive Moments« ins mystische.
Es sind zwei Seinsebenen, eine wirklich gelebte, quasi vierdimensionale und eine, die das Lebendige lediglich zweidimensional wenn auch auf möglichst hohem Nivceau reproduziert, die du gleichwertig nebeneinander zu stellen versuchst. Das enthält m.E. einen Fehler im Denkansatz. Nenne es philosophisch, nenne es mathematisch. Es bleibt inkongruent.

Die bloße bildhafte Reproduktion gelebten Lebens kann/darf niemals die Anmaßung enthalten, über die Definitionsgewalt gelebter Augenblicke hinsichtlich der Bemessung von Lebensqualität verfügen zu wollen, gleich wie ernsthaft oder kunstfertig sie sich gibt.
Es geht um den Transfer ins rein Bildhafte, bestenfals ums Mitschwingen.
Das ist etwas ganz anderes als wenn es um das primär Erlebte ginge.
Mangos und Kirschen also bestenfalls.

Und mir fallen auf Anhieb jede Menge Bilder großer Fotografen ein, bei denen man erahnt, dass es nur diese eine Sekunde gegeben hat, um aus einem banalen Bild ein wirklich Mitreißendes zu machen.
Eine Sekunde später ist dieser glückliche Moment, wo wirklich alles zu passen scheint, vorüber.

Natürlich »arrangiert« der Fotograf hintergründig IMMER, alleine schon durch die Auswahl des Sekundenbruchteils, in dem er auslöst, durch den von ihm präferierten Bildausschnitts, durch Standort oder die Wahl einer Darstellung als Einzelbild oder für als Serie etc., etc.

Aber hat der Fotograf aufmerksam Teil an einem Geschehen, so kann es sein, dass er instinktiv erfasst, wann sich dieses in besonders bildhafter Weise zu entwickeln beginnt. Egal dann, ob es nur diesen einen Augenblick gibt, oder mehrere! Bilder in diese Verdichtung hinein zu machen, ist in meinen Augen die befriedigendste Seite an Fotografie überhaupt! Denn du fühlst dich wie von einem sanften Sog erfasst, folgst seinem Strom, welcher dich nicht mehr hergeben will. Du überlässt dich ihm und vergisst Zeit und Raum um dich. Alles was jetzt noch zählt, ist das Bild in deinem Sucher und das richtige Auslösen, ohne die Situation zu zerstören, oder sie zu beeinträchtigen. Du schwingst auf derselben Wellenlänge mit, wirst eins mit der Situation, bist hoch konzentriert, bewegst dich behutsam, hältst vielleicht sogar den Atem an. Und wenn du dann noch hinerher das auf den Bildern wieder erkennst, was du in den Momenten gesehen und gefühlt hast, dann gibt es in meinen Augen nix Beglückenderes (in der Fotografie).

Insoweit halte ich diesen Ansatz H.C.Bs aus eigenem bescheidenen Erleben heraus, für sehr nachvollziehbar!

Aber die Wahl des entscheidenden Augenblickes enthält auch subjektive Komponenten.

Um auf das von dir vorgestellte Beispiel mit dem Milchglas einzugehen: Je nach emotionaler Anteilnahme des Fotografen wird dieser, das ist zu vermuten, jeweils einen anderen deiner genannten Momente für den »entscheidenden« Augenblick halten. Und das stellt m.E. keinen Widerspruch zur Begrifflichkeit des »Decisive Moments« dar. Denn er meint m.E. nicht, dass es nur EINEN Moment gibt, sondern, ob es dem Fotografen gelingt, diesen, welchen auch immer, so im Bild zu verdichten, auf dass auch andere es letztlich als ausdrucksstarkes Bild wahrnehmen können.

Das ist der Unterschied, um den es m.E. bei der Frage des »Decisive Moments« genau geht und nicht um die Anmaßung, durch die bloße Reproduktion dem Ereignis retrospektiv den entscheidenden Moment diktieren zu wollen.

Es geht dabei, um es in einen abschließenden Satz zu bringen, um die Fertigkeit des Fotografen, jene höchst flüchtige Sequenz eines komplexen Erlebniskontextes als ausdrucksstarkes Substrat in einem einzigen Bild herauszulösen, welches dem nicht beteiligten Betrachter eine konkrete Idee des Ereignisses, der Atmosphäre vermittelt, seine Aufmerksamkeit in jedem Fall bindet, OHNE dabei den Anspruch auf Vollständigkeit der Erfassung des gesamten Ereignisses zu erheben.

So verstehe ich das mit dem »entscheidenden Augenblick«.
Und so ist es für mich immer noch richtig und erstrebenswert, Quote 0,03% oder wie auch immer hin oder her. Kunst war noch nie einfach.

grüße,
manfred
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…wenn ich nicht konzentriert fotografiere, sehen meine Bilder aus wie geknipst…

Last edited by man:men : 11/25/06 at 06:28 PM.
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