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Die Legende vom richtigen Augenblick (Langfassung)
Als ich kürzlich über René Burri las, auch er glaube nicht an einen ‚decisive moment’ (colorfoto 10/2006) erinnerte ich mich eines Zitates von Giséle Freund, der Porträtfotografin von u.a. James Joyce: Wenn man ihr glauben will, dann hat Cartier-Bresson einfach sehr, sehr viel fotografiert; auf 20 Jahre gerechnet täglich vier, fünf Filme, etwa 150 Aufnahmen am Tag und wiederum auf 20 Jahre gesehen ist ihm im Monat bei 4500 Aufnahmen jeweils ein Moment unterlaufen, der den Titel rechtfertigt.
So groß ist die Ausbeute also nicht.
Man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass jeder, der Zeit und Muße genug hat, tagein, tagaus auf den Straßen herumzustreunen, nicht unwesentlich unwitzigeres Bildmaterial anliefern wird. Man muss auch sehen, dass HCB in obiger Rechnung 4499 mal den entscheidenden Moment nicht getroffen hat, obwohl bester Protagonist seiner eigenen photographischen Theorie.
(‚Cartier-Bresson sagte einmal: „ Ich schätze, dass ich ungefähr 300 Photos gemacht habe, die Überlebenschancen haben.“ Damals besaß er schon über eine Million Negative.’
Zit. nach Freund, München 1993)
Postuliert, es gäbe im Geschehen einen Moment, darin sich das Ereignis vollständig zeige, offenbare, in seinem Wesen erscheine, als ein Genaues und Dieses und in dieser Kulmination von Qualität das Vorher und Nachher marginalisierend, als ein zu früh oder zu spät beiseitewerfend: Als ob sich das Werdende teleologisch auf den zu erhaschenden Moment zuschiebe, sich für einen Augenblick zeige, um dann ewiglich im Gewesenen zu verdämmern: Schon dieses Konstrukt von Wirklichkeit ist obskur und noch skurriler der Mythos vom entscheidenden Moment, den es fotografisch zu erahnen, abzuwarten und abzubilden gälte.
Es ist das Gegenüber von Latenz und Manifestation und das Alltagsbewusstsein sicherlich benötigt den groben Beweis. Es stellt sich prachtvolle Blütensträuße auf den Tisch und keine Samen in der Petrischale. Für den Alltagsmenschen steuert jede Blume auf die Blüte zu und sie gilt ihm als Sinn und Zweck des ganzen Pflanzendaseins und so liefert die Industrie, das Land ist flach, akkurat und just in time und bildet in Plastik nach, auf dass er nicht verwese, zum Dauergebrauch: Den Moment ins Zeitlose verlängert.
Wenn überhaupt, dann muss man, wie es die Astrologie tut, der Zeit nicht nur Quantität, sondern Qualität zusprechen, verdichtete/verdünnte Zeit.
Das erinnert an die alte Zen-Geschichte, darin ein Kunde eine Metzgerei betritt und das beste Stück Fleisch verlangt. Sagt der Metzger: Jedes Stück Fleisch hier ist das beste Stück Fleisch.
Vorläufer vor HCB gab es auch, allein ihnen fehlte die Leica. Mit ihr gibt es plötzlich andere Bilder. Bilder, die ein Großformatfotograf ebensowenig hervorbringen konnte, wie eine analoge Kamera das digitale Gebräu aus Schichten und Lagen plus inkrementiertem Zeugs.
Der richtige Moment benötigt zu seiner Erfassung Zeit, Geld und eine Kleinbildkamera und
keine Mär vom Sehen und Abwarten und Wahrnehmen und zeitigem Auslösen des Verschlusses als Beweis innigsten Kontakts mit wirklichster Wirklichkeit.
(`Naomi Rosenblum stellt in ihrer World History of Photography dar, wie Stieglitz „ ... die Handkamera als ein wichtiges Instrument zur Charakterisierung des zeitgenössischen Lebens erkannte.“ Er riet ihren Benutzern, die Szenerie zu beobachten und auf den Zeitpunkt zu warten, in welchem sich ihnen alles richtig präsentiere. Damit wird er zum Vordenker der erst dreißig Jahre später zu ihrer vollen Bedeutung gelangten Fotografie ‚im richtigen Augenblick’’.
Zitiert nach Harris, Weingarten 1998)
Stellen Sie sich bitte bildlich vor:
Ein Kind kippt bei Tisch ein Limonadenglas um.
Was ist der richtige Augenblick, der fotografisch festgehalten werden will?
1. Der Moment der Unachtsamkeit genau vor dem Berühren des Glases?
2. Das eben kippende Glas, das unbedachte Antlitz des Kindes?
3. Limonade, die vom Tisch herabträufelt, der erstaunte Blick des Kindes?
4. Limonadenüberschwemmung, die zornige Mutter, das schuldbewusste Kind?
5. Kindertränen, die über Backen rollen und in Limonade plumpsen?
6. Eine müde Mutter, die mit viel Küchentüchern die Sauerei wegwischt?
7. Das Kind, das neugierig von oben herab guckt, wozu Mama unten herumkriecht?
Der entscheidende Moment negiert sämtliche Herkünfte. Ihm weht der süße Duft gebratenen Federviehs um die Nase. Den Schlachthöfen hierfür, weil appetitverderbend, stellt er sich nicht. Der Moment ist immer in der Lüge, flüchtig dazu und zugleich andauernd auch. Jeder Moment ist ein Moment. Sämtliche Zeit besteht nur aus Momenten. Und jeder Moment ist der entscheidende Moment. Denn alle anderen existieren nicht mehr und noch nicht.
Der Alltag ist voll von richtigen Augenblicken, nur werden sie nicht dokumentiert.
Wer strolcht schon Tag für Tag stundenlang durch die Straßen: Der, der nichts besseres zu tun hat und der, der seinen Lebensunterhalt aus der Arbeit anderer bezieht.
Der Rest ist Maß und Menge.
Freilich, ich habe mir einen umfangreichen Werkkatalog von HCB wieder vorgelegt, findet sich hier eine Fülle guter Aufnahmen, wenngleich in den Anthologien immer wieder die gleichen Motive abgedruckt sind: Marne, Dessau, Place de l’Europe.
So bleiben drei von seinen dreihundert übrig und darüber darf man nicht traurig sein, denn diese drei sind in allen Fotografengehirnen, außer den ganz jungen, die nur diejenigen Bilder anschauen, die sie selber geknipst haben, niedergelegt.
Cartier-Bresson selbst sprach übrigens von ‚Bildern im Vorübergehen’, Images à la Sauvette; und dies klingt seinem Werk finde ich viel angemessener als der Titel der englischsprachigen Ausgabe, The Decisive Moment, den der Verleger gar einem Kardinal abgeluchst hatte, vielleicht um es klerikal zu überhöhen, was ja auch gelungen ist, und es zum Katechismus künftiger Fotografen-Generationen zu machen.
(Koetzle, Köln, 1996)
Manchen, die meinen, schon ihr halbes Leben lang auf einen decisive moment zu warten, möchte man also zurufen: Glaube nicht Deinen eigenen Meinungen, die Dir von anderen nahegelegt wurden! Schöpfe nicht aus den Übersetzungsfehlern anderer! (Adams Rippe!)
Da die Ohren anderer zumeist und zurecht mit ihrem eigenen Hören beschäftigt sind, bleibt nur der Monolog, das unveröffentlichte Bild. Auch das gäbe eine gute Theorie her.
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